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Samstag 23. September 1961:

Stimmengewirr schreckte Kettner auf. Er räumte Stroh zur Seite und blickte vorsichtig nach draußen. Niemand war zu sehen. Vom Wind herangetragene, nicht entschlüsselbare Wortfetzen ließen eine Besuchergruppe vermuten, die zum Tierpark hinwanderte. Kettner kroch ins Freie, schüttelte den Staub aus dem Germ und lockerte die steifen Gliedmaßen mit ein paar Kniebeugen. Dann ging er zu einem kleinen Bach, der in unmittelbarer Nähe vorbei floss. Den Oberkörper entblößt schöpfte er mit beiden Händen kaltes Wasser über den Kopf, ließ es genießerisch über Hals und Rücken laufen. Es erfrischte und reinigte. So wie er zuvor ausgesehen hatte, übernächtig und ungewaschen, schlechthin ein Gammler, wirkte er nicht gerade vertrauen erweckend. Eher prädestiniert als Zielscheibe für Polizeiinformanten.

Mit lautem Magenknurren meldete sich Hunger an. In den vergangenen Tagen war er haushälterisch mit seinem Versorgungsvorrat umgegangen, nun war dieser aufgebraucht. Er drehte Joppen- und Hosentaschen von innen nach außen, sammelte jedes Krümel Brot auf und saugte das letzte Bier aus einer Flasche mit Schnappverschluss, das er dosiert eingeteilt zurückgehalten hatte. Dann löschte er den restlichen Durst mit Quellwasser aus dem Bächlein. Jetzt blieb ihm keine andere Wahl, er musste nochmals in die Stadt gehen und sich erneut Nahrungsmittel besorgen, um dann den langen Trip in die Tschechoslowakei zu wagen.

Dunkle Wolken zogen herauf, es roch nach Regen. Dem musste er ausweichen, denn er hatte nichts mehr, um durchnässte Kleidung wechseln zu können. Es nieselte. Kettner eilte voran, um ein Dach über dem Kopf zu finden. Rechtzeitig erreichte er die ersten Häuserzeilen, schon goss es in Strömen. Niemand interessierte sich für den abgelumpten, rotbärtigen jungen Mann, der in die Hofeinfahrt eines Anwesens rannte. Jeder hatte damit zu tun, dem Regen zu entkommen.

Der Wind vertrieb die Wetterwolken, es klarte auf. Kettner kaufte in verschiedenen Geschäften ein, ehe er die Stadt wieder verließ. Auf der ihm gegenüberliegenden Straßenseite patrouillierte eine Fußstreife der Stadtpolizei. Die Beamten hatten Kettner im Blickfeld, dessen Gedanken rotierten. „Bloß nicht stehen bleiben, sich die Angst nicht anmerken lassen“. Erneut kam er unbehelligt davon.

Die Streifenbeamten kehrten in die Wachstube zurück. Der Streifenführer raportierte dem Wachhabenden: „Keine besonderen Vorkommnisse“ und sah dabei auf den Tisch des Vorgesetzten. Dort lag ein Fahndungsfernschreiben, dessen Inhalt die Personenbeschreibung jenes Burschen enthielt, den sie mit zwei Papiertragetaschen stadtauswärts hatten gehen sehen. Das Schreiben hatte bereits seit längerem in der Umlaufmappe gelegen, doch niemand hatte darauf geachtet. Mangels Informationsflusses war der Streife also ein dicker Fisch durch die Lappen gegangen. Eine sofort eingeleitete Großfahndung brachte nichts ein.

Kettner flüchtete auf Schleichpfaden abseits von Verkehrsstraßen und –wegen. Er begegnete keiner Menschenseele. Nicht weit entfernt vom Ort Mitterfels ging er in einen Wald. Dort rastete er, brotzeitete und wartete verzweifelt auf die herankommende Nacht. Um Mitternacht vom 23. auf den 24. September erreichte er entlang der Bahngleise Konzell-Streifenau. Erschöpft kampierte er wieder in einem Wald, marschierte dann weiter neben der Bahnlinie über Wies-Irlmühle hin zum Liebmannsberg oberhalb der Roßweidmühle bei Altrandsberg, wo er sich ein provisorisches Lager aus Moos und Laub errichtete.

In der Nacht vom 25. auf den 26. September drang Kettner im knapp zwei Kilometer entfernten Moosbach ungehindert und ungehört in die Wohnung der Mutter im Hölzlhaus ein, versorgte sich mit Esswaren aus der Speisekammer und versteckte sich dann auf dem Dachboden unter altem Gerümpel. Der Mörder des Franzl Kettner nächtigte mit den nichts ahnenden Bewohnern unter einem Dach im Trauerhaus.

 

Kettner versorgte sich mehrmals mit Proviant aus der Vorratskammer und verlegte danach sein Domizil dorthin, wo er viele Jahre als Knecht gearbeitet hatte: ins Anwesen des Bauern, Viehhändlers und Bürgermeisters Rackl in Moosbach. Drei Tage und drei Nächte hielt er sich im Heustadel verborgen, dann entwendete er ein Fahrrad des getöteten Jungen und setzte mit diesem die Flucht fort.

Katharina Kettner bemerkte das Fehlen der Nahrungsmittel und ahnte die Nähe des Sohnes. Zur Gewissheit wurde ihr dessen Anwesenheit, als das Fahrrad weg war. Kein anderer würde sich erdreistet haben, ihr das verbliebene Andenken an den geliebten Enkel wegzunehmen. Es kostete sie immense Kraft, der Polizei keinen Fingerzeig zu geben. „ Ich möchte nicht schuldig werden, mein Kind verraten und der Justiz ausgeliefert zu haben“, beruhigte sie das aufbegehrende Gewissen. „Weit kommt er sowieso nicht, dann fasst ihn die Polizei“. Selbst in großer Not und Verzweiflung schlug das Herz der Mutter immer noch für den Sohn, auch wenn dieser ein Mörder war.

Menschen und Ortschaften meidend radelte Kettner in Richtung Waldmünchen. Über einen unbewachten Grenzübergang wollte er hinein ins Nachbarland. Er war sich darüber im Klaren, dass die Polizei ihn fangen würde, wenn er nicht schnellstens außer Landes ginge.

Bei Katzbach, einem Dorf zwischen Cham und Waldmünchen biwakierte er in einem Waldstück. Die Nacht über versuchte er Kräfte für den Endspurt zu sammeln. Von den Strapazen der Flucht abgehetzt übermannte ihn ein todesähnlicher Schlaf. Seine grässliche Tat lastete schwer auf ihm. Es quälte ihn die Frage, wie er künftig mit den Realitäten fertig werden und Ordnung in sein Leben bringen konnte. Einige Male hatte er bereits in Erwägung gezogen, sich der Polizei zu stellen. Doch dann war er wieder wild entschlossen, sich die Freiheit zu erhalten.

Spät am Vormittag trat Emil Kettner aus dem Wald heraus. Es war neblig. Langsam schoben sich ein paar Sonnenstrahlen durch den Dunstschleier, es wurde lichter. Voller Hoffnung, dem Martyrium der Flucht bald ein Ende zu setzen, entschloss er sich, einmal noch in einer Dorfgastwirtschaft zu essen. Das Geläut einer Kirchenglocke wies ihm den Weg hinein in den Ort. In der Gaststätte saßen einige Männer beim Frühschoppen. Sie wurden auf die verdreckte, heruntergekommene Gestalt, die an einem Fenstertisch Platz genommen hatte, aufmerksam. Einer von ihnen glaubte in Emil den polizeilich gesuchten Mörder zu erkennen und benachrichtigte telefonisch die Landpolizei in Cham.

Für Gefahren war Kettner in der letzten Zeit sensibel geworden. Er spürte den Verrat, ließ Braten und Getränk stehen, rannte aus dem Lokal und zum Wald zurück. Die halbe Einwohnerschaft von Katzbach wollte Zeuge der Verhaftung eines Mörders werden.

Zahlreiche Männer stellten sich bereitwillig der Polizei für eine Walddurchkämmung zur Verfügung. Hautnah wollten sie dabei sein, wenn der Verbrecher zur Strecke gebracht wurde. Kettner, der wusste, dass er verloren hatte, ging freiwillig aus seinem Versteck und mit erhobenen Händen auf die Polizeibeamten zu. Er wehrte sich nicht gegen die Festnahme. Mit den Worten: „Ich bins, den ihr sucht. Gott sei Dank ist alles vorbei“, streckte er einem Beamten die Hände zur Fesselung entgegen. Den Angstschweiß auf der Stirn wischte er mit dem Handrücken fort. Es war ihm sogar eine gewisse Erleichterung, gefasst zu sein, anzusehen.

Die Polizeibeamten streckten ihre schussbereiten und gegen Kettner gerichteten Pistolen in die Halfter zurück. Dann führten sie den Festgenommenen zu einem Dienstfahrzeug. Der den Einsatz leitende Polizeibeamte notierte für den Bericht an die Staatsanwaltschaft Deggendorf: „ Der des Mordes an seinem Neffen Franz Kettner dringend verdächtige und unbewaffnete Emil Kettner wurde heute, Sonntag den 1. 10. 1961 gegen 14 .30 Uhr ohne Widerstand zu leisten bei Katzbach festgenommen. Er wird der Kriminalaußenstelle Deggendorf zugeführt“.

Die präzise Mittelung des Wirtsgastes ermöglichte die rasche Festnahme Kettners. Dem Angestellten der Ortskrankenkasse Cham wurde der damals nicht unbeträchtliche Geldbetrag von 1000 Mark Belohnung zuerkannt.

Vom Staatsanwalt und Kriminalbeamten bis in die Nachtstunden hinein vernommen, gab Kettner zu, den Jungen vorsätzlich getötet zu haben.

 

Aus dem Nachwort des Buches:

Emil Kettner hatte sein Opfer nicht, wie häufig üblich, gequält und es einem Martyrium ausgesetzt. Er beging sein verabscheuungswürdiges Verbrechen spontan, erdrosselte dann aber aus Angst den Jungen kaltblütig und vor bedacht.

Kettner hatte keine verpfuschte Kindheit und Jugend. Im Gegenteil: Die Mutter war liebevoll zu ihm, umsorgte ihn, hatte oft Nachsicht mit ihm: trotzdem, oder gerade deswegen, vertrat er bereits frühzeitig diffuse Ansichten, war verstockt und aufmüpfig. Er war es gewesen, der zänkerisch einen Graben des Unfriedens zog. Ihm fehlte die ordnende Hand des Vaters. Beizeiten wusste Kettner um seine Begehrlichkeiten, insbesondere auf dem Gebiet der Sexualität. Er wollte Liebe und Sexualität vereinen, das scheiterte aber an seiner Impotenz. Seinem Aussehen und seinem Naturell nach hätte Kettner ein zufriedener, ja glücklicher junger Mensch sein können.

Kettners Leben war nicht chancenlos. Er unternahm nur nicht ernsthaft, sich eine feste Existenz aufzubauen, obwohl ihm dazu ausreichend Gelegenheit geboten worden war. Nie führte er zu Ende, was er begonnen hatte. Ihm fehlte es am geistigen und körperlichen Antrieb zu leisten, wozu er befähigt gewesen wäre. Sexuelle Enttäuschungen raubten ihm die Entschlusskraft zu jeglicher Eigeninitiative. Vielleicht war er zu jung, um zu erkennen, dass alles Leben, ob Glück oder Besitz, erarbeitet, erkämpft und verantwortet werden muss.

Kettner hatte sich in ein Dilemma hineinmanövriert, aus dem für ihn kein Weg mehr in die Gesellschaft zurückführte. Er zog daraus die für ihn einzig mögliche Konsequenz: Er erhängte sich!